TrashTalk wird moderiert von DGAW-Vorständin Dr. Julia Hobohm und EUWID-Chefredakteur Tom Wilfer. Eigentlich sitzen in diesem Format eher Vorstände und bekannte Persönlichkeiten. Für #wirfuerbio ist Tanja Schweitzer am Mikrofon: die Frau, die die Kampagne seit den Anfängen kommunikativ prägt, weiterentwickelt und dafür sorgt, dass aus Botschaften echte Verhaltensänderungen werden. Denn #wirfuerbio ist kein „nice to know“ – sondern ein praktisches Werkzeug, damit aus Bioabfall wieder das wird, was er sein kann: ein wertvoller Rohstoff.
Darum geht’s in der Folge in einem Satz:
Erst Klasse, dann Masse. Oder wie Tanja es im Podcast-Gespräch auf den Punkt bringt: „Wenn die Qualität stimmt, dann können wir uns um die Menge kümmern.“ Die Folge 48 mit dem Titel „Beim Bioabfall kommt Qualität immer vor Quantität“ gibt’s hier.

Die Kampagne #wirfuerbio startete 2017: Sieben Abfallwirtschaftsbetriebe aus Schleswig-Holstein und Hamburg schlossen sich zusammen – allen voran Jens Ohde (damals Geschäftsführer von GAB Umwelt Service im Kreis Pinneberg, heute Vorstandsvorsitzender des Vereins wirfuerbio e.V. und Geschäftsführer der Abfallwirtschaft in Delmenhorst).
Der Hintergrund war ernst: Verschärfte Anforderungen an Kompost und die Sorge, dass organische Kreisläufe ohne sauberen Input irgendwann nicht mehr funktionieren. Die Betriebe sagten deshalb: „Keiner kocht sein eigenes Süppchen – wir gehen den Weg zusammen.“
Dazu gehörte auch ein ungewöhnlicher Schritt für die öffentliche Hand: Es gab 2017 einen Agentur-Pitch – und schweitzer media bekam den Zuschlag. Heute ist #wirfuerbio bundesweit aktiv: 90 öffentlich-rechtliche Betriebe sind dabei. Dass #wirfuerbio nach neun Jahren so dasteht, hätte 2017 niemand auf dem Zettel gehabt.
Tanja erklärt im Podcast sehr deutlich, warum #wirfuerbio nicht „30 Regeln“ kommuniziert, sondern seit Jahren konsequent auf eine Kernbotschaft setzt: Kein Plastik in die Biotonne!
Der Grund ist simpel (und kommunikativ goldwert): Wenn Menschen zu viel auf einmal lernen sollen, bleibt am Ende nichts hängen. Und vor allem: Ohne saubere Biotonne gibt’s keinen sauberen Kompost – und damit keine echte Verwertung. Und genau deshalb ist der Fokus so scharf: Wenn die Biotonne sauberer wird, profitieren alle – Anlagen, Betriebe, Kommunen und am Ende die Umwelt.
Spannend im Gespräch: Es bleibt nicht nur bei einem Bauchgefühl. Erfolge werden stattdessen in vielen Kommunen über Bioabfallanalysen gemessen. Tanja nennt Beispiele, bei denen sich die Qualität deutlich verbessert hat – besonders dort, wo Aufklärung, crossmedialer Mix und Tonnenkontrollen zusammenkommen. Viele Betriebe arbeiten mit einem Ampelsystem in Form von Tonnenanhängern an der Biotonne:
- Grün: alles okay
- Gelb: Hinweis (z. B. „kompostierbare“ Tüte gefunden)
- Rot: falsch befüllt (z. B. Zigarettenstummel, verpackte Lebensmittel etc.)
Und genau dieses Feedback wirkt, weil es den Moment trifft, wo es weh tut: an der eigenen Tonne.
Ein großes Kapitel der Folge: Bioplastikbeutel – und warum sie in der Praxis oft nicht das halten, was das Etikett verspricht.
Tanja nennt das im Podcast ganz offen ein Kommunikationsdilemma:
Die Beutel sind rechtlich zugelassen, stehen im Supermarkt, tragen „kompostierbar“ – und trotzdem funktioniert es im Anlagenbetrieb häufig nicht zuverlässig, weil Zeitfenster und Prozesse nicht zu dem passen, was diese Produkte bräuchten. Zwischen Laborbedingungen, Normen und dem echten Anlagenbetrieb liegen Welten.
Dazu kommen Praxisbeobachtungen: Tests u. a. in Lübeck sowie bei einem Dreh im Rahmen der RTL-Nachhaltigkeitswoche in der Kompostanlage ECOWEST in Warendorf. Das Ergebnis: „Da war wirklich nichts weg.“ Und dann wird’s doppelt bitter: Selbst wenn ein Beutel zerreißt, erkennt ihn keine Maschine mehr als „kompostierbar“ – und vieles wird aussortiert und landet am Ende in der Verbrennung.
Tanja sagt dazu einen Satz, der hängen bleibt: Diese Verwirrung sei „irgendwie auch Geschäftsmodell“ und die Folge starker Lobbyarbeit. Die Begriffe „biobasiert“, „abbaubar“, „kompostierbar“ werden marketingseitig so genutzt, dass am Ende viele nur noch hören: „Kann in den Biomüll.“
Im Gespräch wird auch klar: Bioabfall ist nicht überall gleich. In touristischen Regionen oder urbanen Strukturen spielt Anonymität eine riesige Rolle – wer nur kurz da ist, sortiert anders (oder gar nicht), weil Konsequenzen nicht „bei einem selbst“ ankommen.
Besonders wichtig sind Mehrfamilienhäuser: Hier reichen Sticker mit Hinweisen zur richtigen Trennung an der Biotonne allein oft nicht aus. #wirfuerbio hat dazu mit LQM eine Befragung gemacht und leitet konkrete Maßnahmen ab: Klare Anweisungen, Küchenhilfen, stärkere Einbindung von Hausverwaltungen/Wohnungsbaugesellschaften – und Zusammenarbeit „auf Augenhöhe“.
Für 2026 kündigt Tanja außerdem fünf Pilotprojekte an, um daraus einen praxistauglichen Maßnahmenkatalog zu entwickeln.
Ein Punkt aus dem Podcast ist ein echter Aufreger (im positiven Sinne): Tanja wünscht sich politisch eine flächendeckend einheitliche Pflichtbiotonne – und Schluss mit „Spielkram“ wie reinen Bringsystemen, die am Ende viele Bioabfälle im Restmüll lassen. Sie nennt dabei auch Beispiele, wie absurd die Praxis werden kann (u. a. Trier, Bringsystem-Debatten) und beschreibt gleichzeitig das Dilemma: Bringsysteme können zwar sehr saubere Qualität liefern – aber eben nur von denjenigen, die wirklich mitmachen. Das Problem bleibt: Der große Rest landet weiter im Restmüll.
Und genau deshalb passt der Titel der Folge so gut: Qualität vor Quantität – aber bitte mit einem System, das überall funktioniert.
Zum Ende wird Tanja sehr deutlich: Bioabfall-Kommunikation ist keine Einmal-Kampagne. Sie muss regelmäßig wiederkommen – gern auch frecher, zeitgemäßer und begleitet von smarter Technik (z. B. bei der Erkennung von Störstoffen mittels KI). Denn wenn wir Kreislaufwirtschaft ernst meinen, müssen wir zwei Dinge schaffen:
- Den Bioabfall sauber verwerten (Qualität)
- Den Bioabfall aus dem Restmüll holen (Menge – aber erst danach)
Unser Tipp zum Abschluss:
Bioabfall locker sammeln – am besten ohne Tüte. Und ganz wichtig: Kein Plastik. Auch kein „kompostierbar“ gelabelter Beutel.


